strukturelle Trägheit

Strukturelle bzw. organisationale Trägheit

Grundkonzept 

Das Konzept der strukturellen bzw. organisationalen Trägheit geht auf den Population Ecology-Ansatz von Hannan und Freeman zurück (Hannan/Freeman 1984).
 
Unter organisationaler Trägheit wird dabei die Unfähigkeit einer Organisation verstanden, sich zeitnah auf Veränderungen in der Umwelt einzustellen und die eigenen Prozesse und Strukturen an die sich daraus ergebenden Anforderungen anzupassen (Hannan/Freeman 1984, S. 151; Kungl 2022, S. 109).
 
Die Trägheitskräfte erschweren bzw. verhindern eine kontinuierliche Anpassung an die Umweltveränderungen und setzen stattdessen auf Beharrung und „Strukturkonservatismus“ (Türk 1989, S. 93). Erst wenn der Veränderungsdruck massiv gestiegen ist, kann dieses Beharrungsvermögen in einem regelrechten Veränderungssprung aufgebrochen werden. Auf diesen, sich eher selten ereignenden sprunghaften und fundamentalen Wandel schließt sich in der Regel wieder eine (längere) Phase der Beharrung an (Welsch 2010, S. 70).

Diese Annahmen werden von Tushman und Romanelli in ihrem Punctuated Equilibrium-Modell konzeptualisiert (Romanelli & Tushmann 1994). Danach entwickeln sich Organisationen in Phasen des inkrementalen Wandels (Konvergenzphasen) und werden durch Phasen der Umstrukturierung/Neuorientierung unterbrochen - die wiederum Basis der Konvergenzphasen sind. In den langanhaltenden Konvergenzphasen wirken strake Trägheitskräfte, sodass nur inkrementale Veränderungen in Form von „Ausbesserungen einzelner Elemente“ möglich sind Organisation wieder auf ein neues Gleichgewicht einpendelt (Welsch 2010, S.70). Nur bei großem Druck aus der Umwelt ist eine weitergehende Veränderung nicht mehr vermeidbar und so kann die Trägheit durch kurze, eruptive und fundamentale Neuorientierungsphasen überwunden werden, bevor sich die Organisation wieder auf ein neues Gleichgewicht einpendelt (ebd., S. 70 f.).
 

Ursachen der organisationalen Trägheit

Die Ursachen der organisationalen Trägheit werden in interne und externe Ursachen unterschieden. 

Intern Ursachen sind:

  • bisherige Investitionen z.B. in Anlagen oder die Ausbildung von Mitarbeitenden, die nicht ohne weiteres für anders 
    nutzbar sind, 
  • Informationsrestriktionen innerhalb der Organisation, die dazu führen, dass Wissen und Information ungleich 
    verteilt sind, 
  • interne politische Restriktionen aufgrund von Interessens- und Machtkonstellationen,
  • sowie die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Organisation mit ihren Regeln, Werten und damit mit ihrer 
    Kultur bzw. ihren Kulturen.


Als externe Ursachen gelten:

  • Markteintritts- und Marktaustrittsbarrieren,
  • externe Informationsrestriktionen,
  • die Legitimitätserwartungen aus der Umwelt
  • sowie Probleme, die sich aus der kollektiven Rationaltität der Umwelt ergeben, weil diese nicht immer mit 
    der Rationalität in der Organisation übereinstimmen (ebd., S. 73 f.).

Weiterentwicklung des Konzeptes

Trägheit ist nicht nur negativ - Im Laufe der Jahre hat sich das Trägheitskonzept in wesentlichen Punkten weiterentwickelt. So wurde das ursprüngliche Konzept aus dem Jahr 1977 eher negativ mit Stagnation verbunden. In der überarbeiteten Fassung von 1984  wird die Trägheit von Hannan und Freeman auch positiv bewertet und insbesondere mit einer, für Organisationen lebensnotwendigen Zuverlässigkeit und Rechenschaftsfähigkeit in Verbindung gebracht (ebd., S. 71). Dadurch gewinnt die Organisation Stabilität, außerdem wird verhindert, dass noch nicht ausgereifte Maßnahmen vorschnell umgesetzt werden (ebd., S. 60).
 
Hirarchie der Trägheitskräfte - Darüber hinaus werden die Trägheitskräfte in Form einer Hirarchie beschrieben. Das bedeutet, dass Trägheitskräfte nicht in allen Bereichen der Organisation gleich stark wirken. Zusätzlich wird zwischen Kern und Peripherie der Organisation unterschieden, wobei zum Kern die Elemente der Organisation gehören, die maßgeblichen Einfluss auf die Mobilisierung der Ressourcen haben. Als organisationaler Kern werden hier die Aufgaben und Ziele, das Autoritätsgefüge, die verwendete Technologie sowie die Marketingstrategie verstanden. Im Kern scheinen die Aufgaben und Ziele am schwierigsten und die Marketingstrategie am leichtesten veränderbar zu sein. Alle anderen Elemente der Organisation sind eher der Peripherie zuzurechnen, in der geringere Trägheitskräfte wirken und eine Anpassung eher möglich erscheinen (ebd., S. 71 f.).

Absolute und relative Trägheit - Hannan/Freeman unterscheiden auch eine absolute und relative Trägheit. Ist die Trägheit absolut, kommt es zu keiner Veränderung in der Organisation. Ist die Trägheit stattdessen relativ, kommt die Veränderung zu spät oder zu langsam, weil die  Veränderungsgeschwindigkeit in der Umwelt höher ist als in der Organisation. Wenn also von einer grundsätzlichen Anpassungsfähigkeit einer Organisation ausgegangen werden kann, ist die relative Trägheit und damit die Veränderungsgeschwindigkeit ein zentraler Bestandteil der Überlegungen im Umgang mit den Trägheitskräften (ebd., S. 71 ff.).

Personale und organisationale Trägheit - Im Zusammenhang mit der organisationalen Trägheit wird auch diskutiert, welchen Einfluss die personale Trägheit von Mitarbeitenden auf die Trägheit der Organisation hat. Es wird davon ausgegangen, dass die Ursachen starrer Strukturen auch auf die Personen, die sich am Aufbau und Erhalt dieser Strukturen beteiligen, zurückgeführt werden können (ebd., S. 60; Siegler 1999, S. 198). Hier besteht die Vermutung, „… dass Organisationen zur Starrheit neigen, weil Menschen zu Stabilität und Routine tendieren.“ (ebd., S. 198) Damit bleibt festzuhalten, „daß die gleichzeitige oder abwechselnde Verwirklichung von Stabilität und Flexibilität ein besonderes und dauerhaftes Problem beziehungsweise eine Herausforderung für die Mitarbeiter in einer Organisation darstellt.“ (ebd., S. 201)

Alter und Größe als Einflussfaktoren - Im Zusammenhang mit den Ursachen organisationaler Trägheit wurden insbesondere das Alter und die Größe einer Organisation diskutiert.
 
Das Alter verstärkt einerseits die Bildung von Strukturen und wirkt sich damit indirekt auf die Bildung von Trägheitskräften aus, etabliert andererseits aber auch die Bildung von Netzwerken und Vertrauen, was die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns vermindern kann (Welsch 2010, S. 77). Insgesamt sind die Untersuchungsergebnisse allerdings nicht ganz eindeutig, auch wenn einige von einer „Liability of Aging“ ausgehen. ”Danach nimmt die Überlebenwahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter ab, da ältere Organisationen aufgrund der Trägheitskräfte schlechter an sich wandelnde Umweltbedingungen angepasst sind.” (ebd., S. 77) Außerdem wird davon ausgegangen, dass die „Trägheitsuhr“ bei großen Veränderungen wieder auf Null zurück gesetzt wird und sich danach die Trägheit in der anschließenden Konvergenzphase wieder neu aufbaut (ebd., S. 78).

Beim Einflussfaktor Größe der Organisation wird davon ausgegangen, dass kleinere eher scheitern, weil größere Organisationen über ihre Ressourcen, Strukturen und eine gewisse Attraktivität einen gefestigen Kern besitzen, was ein Scheitern verringern kann. Andererseits erhöht diese Trägheit die Unflexibilität und Anpassungsfähigkeit, was wiederum das Potential des Scheiterns erhöht (ebd., S. 77 f.).
 

Hypothesen zur konkreten Beschreibung von Trägheit
 

In ihrer Dissertation untersucht Welsch mittelständisch geprägte Großunternehmen auf ihre Trängheitswahrscheinlichkeit hin. Daraus generiert sie 11 Hypothesen, die hier abschließend zititert werden:
 

(Quelle aus: Welsch 2010, S. 97)
 

 

 

Kirche und organisationale Trägheit
 

In einer Analyse des Strategieprozesses „ekiba 2032“ der Evangelischen Landeskirche Baden werden Kirchen als „… lose 
gekoppelte Netzwerkorganisationen mit den Charakteristika einer trägen Organisation …“ bezeichnet (Breyer-Mayländer et al. 2024, S. 519).

Dabei werden folgende Merkmale für ein lose gekoppeltes System benannt (ebd., S. 520):

  • Fluktuierendes Engagement, wechselnde Präferenzen, flutuierende Rollen bei den Beteiligten
  • Beteiligungsprozesse bei Meinungsbildung und Entscheidungen erscheinen wichtiger als die Resultate
  • Rechte zur Teilnahme z.B. an Sitzungen, Gremien oder Ausschüssen werden oft heiß umkämpft, um dann später ggf. nicht oder nur wenig wahrgenommen zu werden 
  • Lose gekoppelte Systeme zeichnen sich durch eine gewisse Beharrlichkeit aus (Wolff 2010, S. 291)
     

Darüber hinaus verweisen die Verfasser auf die o.g. elf Hypothesen von Welsch, die sie als Merkmale einer trägen Organisation ansehen und auf die EKIBA beziehen.

In ihren Befragungsergebnissen spiegelt sich das Motiv des Bewahrens als Merkmal einer trägen Organisation wider. Dabei ist die Frage nach dem Kern der Organisation zentral. „Was bleibt von einer Kirche übrig, wenn unter den vorherrschenden Rahmenbedingungen die von außen kommenden notwendigen Veränderungen, wie etwa die Schließung von Kirchen und die Kürzung von Pfarrstellen vor Ort, vorgenommen werden?“  Allerdings geht es dabei nicht um ein grundsätzliches Beharren oder Festhalten am Alten. Stattdessen wird das Risiko des Festhaltens erkannt und zugleich problematisiert, was der Reformprozess an Konsequenzen bedeuten kann (z.B. der Rückzug aus der Fläche) (Breyer-Mayländer et al. 2024, S. 520). 

Auch in diesem konkreten Beispiel wird wieder die paradoxe Zweiseitigkeit (Bewahrung & Bedrohung) der organisationalen Trägheit sichtbar.

 

Fazit

Zusammenfassend kann das Konzept der organisationale Trägheit sowohl als organisationserhaltend als auch als organisationsgefährdend bezeichnet werden. Die Bewahrungs-, Beharrungs- und Erhaltungstendenzen können für eine Organisation in bestimmten Situationen wesentliche Stabilisationsfaktoren sein und in anderen Situationen zu einer Bedrohung und Bestandsgefährdung werden. Die organisationale Trägheit bietet sich somit grundsätzlich als eine mögliche Ursache für organisationale Schrumpfungsphänomene an.
 

 

Verwendete Literatur:


Breyer-Mayländer, Thomas et al. (2024): Auswirkung der Besonderheiten einer Organisation auf Change-Prozesse – die Integration interner Beratung am Beispiel von „ekiba 2032“ der Evangelischen Landeskirche in Baden. In: Organisationsberatung, Supervision, Coaching 31, S. 511–529.

Hannan, Michael T./Freeman, John (1984): Structural Inertia and Organizational Change. In: American Sociological Review 49, S. 149.

Kungl, Gregor (2022): deutschen Stromkonzerne und erneuerbare Energien. In: Soziologie und Nachhaltigkeit 8, S. 106–138.

Siegler, Oliver (1999): Die dynamische Organisation: Grundlagen - Gestalt - Grenzen. Wiesbaden s.l: Deutscher Universitätsverlag. (= Springer eBook Collection Business and Economics).

Türk, Klaus (1989): Neuere Entwicklungen in der Organisationsforschung: ein Trend Report. Stuttgart: F. Enke.

Welsch, Christina (2010): Organisationale Trägheit und ihre Wirkung auf die strategische Früherkennung von Unternehmenskrisen. Gabler Verlag / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden. (= Schriften zum europäischen Management).

Wolff, Stephan (2010): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen als lose gekoppelte Systeme und organisierte Anarchien. In: Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen: Soziologische Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
 

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