Konzept der Pfadabhängigkeit
Neben dem Konzept der organisationalen Trägheit liefert das Konzept der Pfadabhängigkeit einen weiteren Begründungsansatz für Schrumpfungsphänomene in Organisationen. Im Folgenden wird dieses Konzept kurz vorgestellt.
Das Konzept der Pfadabhängigkeit geht in seiner Grundidee auf den Wirtschaftshistoriker Paul David zurück. Er ging der Frage nach, warum nach über 100 Jahren immer noch mit der sog. QWERTY-Tastatur gearbeitet wurde obwohl diese eher zufällig zur Anfangszeit der Schreibmaschine entstanden ist und inzwischen bessere Alternativen zur Verfügung stehen könnten (Schreyögg 2013, S. 22). Seine Überlegungen mündeten schließlich im Konzept der Pfadabhängigkeit, das im Folgenden nach Schreyögg zitiert wird:
„Ein einmal eingeschlagener Weg (…) verfestigt sich und verengt zunehmend den Handlungsspielraum
eines Unternehmens. In diesem Sinne bewegen sich Unternehmen meist unbemerkt und ungewollt auf Pfaden,
d.h. ihre Handlungen werden zunehmend von ein und demselben Muster geprägt bis schließlich dieser Pfad
nicht mehr oder nur noch mit sehr großen Anstrengungen verlassen werden kann.“ (Schreyögg 2013, S. 21)
Phasen der Pfadentwicklung

(Quelle aus: Schreyögg 2013, S. 23)
Der Weg zur Pfadabhängigkeit kann durch drei Phasen beschrieben werden (Schreyögg 2013, S. 23; Hammel 2016, S. 224; Kirchner 2012, S. 144 f.):
In der Anfangsphase ist die zukünftige Entwicklung offen, es gibt noch keine Festlegung im Rahmen einer Vielfalt an Möglichkeiten. Der Übergang zur zweiten Phase besteht aus einer kritischen Gabelung (critical juncture).
„Darunter ist das erstmalige Auftreten eines Ereignisses zu verstehen, das nachhaltige selbstverstärkende
Effekte ausübt, d.h. positive Rückkoppelungen treten zum ersten Mal und nachhaltig auf.“ (Schreyögg 2013, S. 23)
Das Eintreten ist meistens zufällig und wird durch eher kleine Ereignisse ausgelöst, die für sich allein noch nicht unbedingt zur Wiederholung führen müssen. Das pfadauslösende Ereignis kann somit erst im späteren Verlauf rückblickend identifiziert werden (Schreyögg 2013, S. 23).
In der nachfolgenden Phase wird der Pfad ausgebildet. Durch sich immer weiter selbst verstärkenden Prozesse werden alternative Ergebnisse immer unwahrscheinlicher und eine Entwicklung hin zur Pfadabhängigkeit wird eingeleitet. In der zweiten Phase sind trotz der Selbstverstärkungsprozesse immer noch Abweichungen möglich. Der Pfad bildet sich erst noch heraus. Zu Beginn der dritten Phase schließt sich dieser Entwicklungsprozess und führt zur Pfadabhängigkeit.
„Der Zeitpunkt, von dem ab sich der Pfad schließt, wird als Lockin bezeichnet. Von da stehen dem Handlungssystem de facto keine Alternativen mehr offen, weil es an die Reproduktionslogik des Pfades gebunden ist. Das Handlungssystem
erstarrt in dem Sinne, dass es immer wieder dasselbe Muster verwendet. Das Ausmaß dieser Bindung ist in der Praxis
dennoch unterschiedlich ausgeprägt, nur selten wird es zu einem vollkommenen Lockin kommen.“
(Schreyögg 2013, S. 24)
So gesehen kann der Pfad nach dem Lock-in als eine Art Korridor verstanden werden, der den Handlungsspielraum einer Organisation sehr einengt, aber in der Praxis nur selten komplett determiniert (Schreyögg 2013, S. 24; Heine und Rindfleisch 2012, S. 13 f.). An anderer Stelle wird darauf hingewiesen, dass Pfadabhängigkeiten sehr differenziert zu betrachten sind und im Zusammenhang mit Institutionen eine große Bedeutung haben können (Beyer 2006, S. 22).
Insgesamt ist die Pfadabhängigkeitsliteratur inzwischen sehr umfangreich geworden. In diesem Zusammenhang wird kritisiert, dass die Untersuchungen kein einheitliches Verständnis des Konzeptes erbracht und die Fülle der Literatur den tatsächlichen Wissensbestand nicht unbedingt vorangebracht haben (Hammel 2016, S. 222).
Fazit
Im Rahmen meiner Dissertation stellt das Konzept der Pfadabhängigkeit einen weiteren Erklärungsversuch dar, warum Organisationen im Laufe der Zeit in existenzielle Schwierigkeiten geraten und schrumpfen können. Aufgrund früherer positiv erlebter Ereignisse, die z.B. auf der Einhaltung bestimmter Entscheidungs- und Handlungsmuster beruhen, bezieht sich die Organisation im Rahmen von positiven Rückkopplungsschleifen auf diese Erfahrungen aus der Vergangenheit und gerät dadurch in die Gefahr, künftige Entscheidungen und Handlungen nur mehr innerhalb des dadurch eingeschränkten Pools an Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten treffen zu können. Zusammen mit dem Ansatz der strukturellen Trägheit verweist das Konzept der Pfadabhängigkeit auf eine starke Abhängigkeitstendenz, der die Organisationen in Bezug auf frühere Ereignisse, frühere Entscheidungen oder eine lange Organisationsbiografie ausgesetzt werden.
Frühere Entscheidungen können folglich das aktuelle (Entscheidungs-)Handeln beeinflussen und im Laufe der Zeit immer mehr einschränken. Es ist naheliegend, dass Pfadabhängigkeiten nicht nur in Wirtschaftsunternehmen, sondern auch im Bereich der Nonprofit-Organisationen zum Tragen kommen können und eine mögliche Begründung für organisationale Schrumpfungsprozesse darstellen.
Verwendete Literatur:
Beyer, Jürgen (2006): Pfadabhängigkeit. Über institutionelle Kontinuität, anfällige Stabilität und fundamentalen Wandel. Frankfurt am Main u.a.: Campus-Verl.
Hammel, Sonja Anna-Maria (2016): Effektive Prävention ethisch-moralisch bedingter Unternehmenskrisen. Eine fallbasierte Untersuchung in Deutschland und den USA. Hg. v. www.jums.academy. München. Online verfügbar unter http://jums.academy/wp-content/uploads/2016/07/JUMS_Hammel.pdf, zuletzt geprüft am 03.01.2024.
Heine, Klaus; Rindfleisch, Heike (2012): Organizational Decline - A Synthesis of Insights from Organizational Ecology, Path Dependence and the Resource-Based View. In: SSRN Journal. Online verfügbar unter https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2178991, zuletzt geprüft am 03.01.2024.
Kirchner, Stefan (2012): Wer sind wir als Organisation? Frankfurt [u.a.]: Campus-Verl.
Schreyögg, Georg (2013): In der Sackgasse Organisationale Pfadabhängigkeit und ihre Folgen. In: OrganisationsEntwicklung 2013 (1/2013), S. 21–30.