Interne &/oder externe Gründe
In der bisherigen Schrumpfungsforschung nimmt die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Gründen, die zur Schrumpfung von Organisationen führen, eine zentrale Rolle ein. In dieser Diskussion werden interne und externe Gründe unterschieden. Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über die in der Literatur benannten internen Gründe gegeben. Daran schließt sich ein Abschnitt zu externen Gründen an. Abgeschlossen wird mit Überlegungen zur Gewichtung der beiden Varianten.
1.Interne Gründe
Als intern können Gründe bezeichnet werden, deren Ursachen innerhalb der schrumpfenden Organisation zu finden sind. Die Palette reicht dabei von Fehlentscheidungen im Management bis hin zu organisatorisch-strukturellen Gründen. In der wissenschaftlichen Literatur wird im organisatorisch-strukturellen Bereich beispielsweise ein Zusammenhang von Zerfall und schnellem Wachstum gesehen. Unter Berufung auf Luhmann (Luhmann 1993, S. 238) schreibt Bergt:
„Je größer die Organisation wird, desto mehr nimmt die Zerfallswahrscheinlichkeit zu.“ (Bergt 2012, S. 212)
Mit dem Ausbau der Personalstellen geht immer eine Steigerung der organisationalen Komplexität einher. Die Systemgröße und die Systemkomplexität lassen sich daher aufeinander beziehen. Wächst also eine Organisation zu schnell, können ggf. die internen Abläufe und Strukturen nicht im gleichen Tempo an die neue Situation angepasst werden, und dadurch kann das schnelle Wachstum die Gefahr des Zerfalls beinhalten. Neben dem zu schnellen Wachsen gibt es darüber hinaus Hinweise auf eine nicht optimale Betriebsgröße als Schrumpfungsgrund (Höge 1995, S. 133).
Neben organisatorisch-strukturellen Gründen dieser Art kann festgehalten werden, dass es häufig Managementprobleme oder -fehler sind, die die Unternehmen in Schwierigkeiten bringen. Als ein Hauptfehler wird das Übersehen der ersten Anzeichen von grundsätzlichen Veränderungen identifiziert (Bibeault 1998, S. 35). Darüber hinaus können auch ineffektive Interaktionen des Managements wie z.B. Untätigkeit oder die ineffektive Nutzung von Ressourcen zu einer organisationalen Schrumpfung führen (Trahms et al. 2013, S. 1289 f.; vgl. Cameron 1983, S. 361 f.).
Einen weiteren internen Grund für das organisationale Schrumpfen von Unternehmen findet man in den Desinvestitionsmotiven, die sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Sie reichen z.B. von der Verschiebung strategischer Schwerpunkte bis hin zu einer strategischen Neuausrichtung, können aber ebenso in Form von Unterlassung auf den Abbau von überalterten Produkten und Produktionsanlagen oder die Verbesserung der gesellschaftlichen Legitimation abzielen (Höge 1995, S. 133).
Darüber hinaus spielen sogenannte Austrittsbarrieren, „die eine Unternehmung davon abhalten, ihren Geschäftsbereich aufzugeben“ (Göttgens 1996, S. 16), eine wichtige Rolle. Folgende Austrittsbarrieren sind hier zu nennen:
- ökonomische Barrieren, z.B. erst kürzlich getätigte Investitionen,
- strategische Barrieren, z.B. ein defizitäres Geschäftsfeld ist strategisch wichtig,
- emotionale Barrieren, z.B. eine hohe Bindung an das bisher Erreichte,
- rechtlich-politische, soziale und gesellschaftliche Barrieren, z.B. die Sorge um den sozialen Frieden in einer Region (Göttgens 1996, 16 ff.).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es trotz fehlender empirischer Verifikation einen allgemeinen Konsens in der Literatur gibt, dass schrumpfende Organisationen intern durch eine Vielzahl dysfunktionaler organisatorischer Prozesse gekennzeichnet sind, aus welchen sich wiederum die Zunahme von Ineffektivität und Unzufriedenheit unter den Mitarbeitenden speist (Whetten 1987, S. 345).
2. Externe Gründe
Als extern werden Gründe organisationaler Schrumpfung bezeichnet, deren Ursachen außerhalb der Organisation, also in deren Umwelt liegen.
Externe Gründe können in mehrere Kategorien unterteilt werden: Wirtschaftlicher Wandel, Veränderungen im Wettbewerb, Beschränkungen bzw. Veränderungen durch das Handeln der Regierungen, sozialer und technologischer Wandel (Bibeault 1998, S. 28). Ganz ähnlich werden die externen Gründe an anderer Stelle zusammengefasst (vgl. Höge 1995): Rezession, Marktsättigung, Einführung von Substitutionstechnologien, Veränderungen staatlicher Rahmenbedingungen. Dabei bleibt festzuhalten, dass schrumpfende Märkte nicht automatisch zur Schrumpfung eines Unternehmens führen müssen. Einige Unternehmen sehen z.B. gerade bei schrumpfenden Märkten eine Möglichkeit in der Wachstumsstrategie „Fusion“. Insgesamt gesehen stellen schrumpfende Märkte aber trotz dieser Einschränkung ein Potential für Schrumpfungsprozesse bei Unternehmen dar (Höge 1995, S. 132).
Als weitere externe Gründe werden darüber hinaus technologische Veränderungen, die Abnahme bestimmter Industrien, die Wettbewerbsdynamik und der dadurch entstehende Wettbewerbsdruck sowie nur schwer vorhersehbare Ereignisse im Umfeld der Unternehmen benannt. Auch die demographische Entwicklung oder die Veränderung von Produkttechnologien können externe Gründe sein (Trahms et al. 2013, S. 1289).
3. Gewichtung von internen und externen Gründen
Grundsätzlich wird in der Literatur nicht bestritten, dass es interne und externe Gründe für das organisationale Schrumpfen gibt. Tendenziell scheinen aber in den meisten Fällen eher interne Probleme als Ursache für eine Schrumpfung vorzuliegen. Bereits in einer Untersuchung aus dem Jahre 1978 wurde festgestellt, dass externe Faktoren nur in ca. 9 % der untersuchten Fälle allein für eine Organisationsschrumpfung verantwortlich sind. In ca. 20 % der Fälle ist sie sowohl extern als auch intern begründet. Und in der großen Mehrzahl von ca. 70 % der Fälle ist die Schrumpfung ausschließlich intern zu begründen (Bibeault 1998, S. 25).
In einer Untersuchung über die Gründe für die Auflösung spanischer Nonprofit-Organisationen werden – neben dem (erfolgreichen) Missionsabschluss – der Zusammenbruch der Ressourcen sowie ungelöste Konflikte und Bedrohungen aus dem Umfeld benannt. Auch hier ergibt sich eine Mischung aus internen und externen Gründen (Fernandez 2008, S. 123; vgl. auch Cameron und Zammuto 1983, S. 361).
(der Text wurde leicht gekürzt übernommen aus meiner Dissertation: Hagen Fried, "Schrumpfende Organisation", University of Bamberg Press 2024, S. 30 ff.)
Verwendete Literatur:
siehe Literaturverzeichnis zur Dissertation