Definitionen der schrumpfenden Organisation
Im Folgenden finden Sie einen Überblick über eine Reihe von bekannten Definitionen einer schrumpfenden Organisation, wie sie bisher in der wissenschaftlichen Diskussion verwendet werden. Zusätzlich verweise ich auf den Abschnitt "Definition" auf der Seite "Meine Forschung 1" dieser Homepage.
Der Begriff des Schrumpfens kann ganz allgemein wie folgt definiert werden:
„‚Schrumpfen’ drückt in seiner ursprünglichen Bedeutung zunächst einmal die Verringerung der Größe eines Gegenstandes aus. Genauer gesagt: die quantitativ mess- oder nachvollziehbare Reduzierung der Größe, des Umfanges oder der Masse eines Objektes.“ (Haller 2012, S. 19)
Auf dem Hintergrund dieser allgemeinen Bedeutung im Sinne einer Verringerung der Größe eines Gegenstandes hat der Begriff des „Schrumpfens“ auch Eingang in die deutschsprachige Organisationsforschung gefunden. Im Englischen wird allerdings statt „to shrink“ (schrumpfen) eher der Begriff „decline“ verwendet. “Decline“ kann dabei sehr differenziert mit Rückgang, Niedergang, Abnahme, Abfall, Verringerung, Verschlechterung oder Talfahrt übersetzt werden.
Im Laufe der über fünfzigjährigen Fachdiskussion ist es bis heute zu keiner einheitlichen und allgemein anerkannten Definition des Schrumpfungsbegriffs gekommen. Nach wie vor ziehen sich mehrere unterschiedliche Definitionsstränge durch die wissenschaftliche Literatur. Weitzel hat bereits 1989 einen Versuch gemacht, diese in fünf verschiedene Bereiche zusammenzufassen:
„In the various definitions discussed here, decline is conceived of as (1) a reduction in some organizational size measure (e.g., workforce, market share, assets), (2) a stage in the organization's life cycle, (3) internal stagnation, or inefficiency, (4) a failure to recognize warning signals (internal or external) about changes needed to remain competitive, and, (5) a failure to adapt or change to fit external environment demands.” (Weitzel 1989, S. 94)
Die unterschiedlichen Definitionsstränge beziehen sich demnach auf
- die Verringerung einer organisatorischen Größe wie z.B. des Vermögens oder des Personals
(vgl. Whetten 1980, S. 346; Whetten 1987, S. 344; Cameron et al. 1987b, S. 224; McKinley et al. 2014, S. 90),
- eine Phase im Lebenszyklus einer Organisation
(vgl. Quinn und Cameron 1983),
- die interne Stagnation oder Ineffizienz
(vgl. Whetten 1980a, S. 582),
- das Nichterkennen von internen oder externen Signalen für eine notwendige Veränderung
(vgl. Levy 1986, S. 13)
- und das Versagen, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen
(vgl. Greenhalgh 1983, S. 232).
Nach Weitzel schrumpfen Organisationen dann, wenn sie den externen oder internen Druck, der das langfristige Überleben der Organisation gefährdet, nicht erkennen, vermeiden oder neutralisieren bzw. sich diesem nicht anpassen können (Weitzel 1989, S. 94; vgl. Trahms et al. 2013, S. 1278).
Zur Präzisierung des Schrumpfungsbegriffs grenzt McKinley außerdem die Schrumpfung von einer „Krise“ und einer „Stagnation“ ab (McKinley et al. 2014, S. 90 f.). Eine Krise kommt im Gegensatz zur Schrumpfung in der Regel plötzlich und schnell, sodass für das Management nur sehr wenig Reaktionszeit bleibt, wogegen sich eine Stagnation im Vergleich zur Schrumpfung auf einen statischen Zustand bezieht.
Im deutschsprachigen Raum werden zunächst einmal zwei grundsätzliche Sichtweisen der Wirtschaft auf organisationale Schrumpfungsprozesse unterschieden: Schrumpfung als „Betriebsunfall“ oder als dauerhafte Aufgabe und Herausforderung (Hüttemann 1993, S. 2). Auch Hüttemann resümiert:
„Trotz einer mehr als 15 Jahre dauernden Auseinandersetzung mit Problemen der Schrumpfung hat sich noch keine einheitliche Verwendung des Schrumpfungsbegriffs herausgebildet.“ (Hüttemann 1993, S. 6)
Die Unterschiedlichkeit der Definitionen wird mit den spezifischen Inhalten der jeweiligen Untersuchungen begründet, sodass ein Vergleich nur schwer vorzunehmen ist. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es dementsprechend auseinandergehende Definitionsversuche (vgl. auch Rudolph 1994, S. 29). So wird das Schrumpfen einer Organisation z.B. als „Erfordernis der Anpassung aufgrund externer Faktoren“ (Welge und Hüttemann 1993, S. 6) und andererseits auf dem Hintergrund der Organisationsdynamik als Teil der ge- oder misslungenen Krisenbewältigung definiert. Mit letzterem Ansatz kommt neben der Schrumpfung als „Ergebnis“ stärker der „Prozess“ der organisationalen Schrumpfung in den Blick. In der Literatur wird das an einer Stelle folgendermaßen formuliert:
„Vom Prozeßverlauf her lassen sich zweckmäßigerweise drei Fälle unterscheiden: Schrumpfung als Voraussetzung zum anschließenden Wiederaufstieg (Turnaround), Schrumpfung als geordneter vollständiger oder teilweiser Rückzug, Schrumpfung als allmählicher Niedergang oder als rascher Zusammenbruch.“ (Krüger 1994, S. 353; Hervorh. i.O.)
Höge beschreibt die Schrumpfung in Anlehnung an Cameron und Whetten als „(nachhaltige) Reduktion der Größe einer Unternehmung“. Außerdem betont er, dass eine „Schrumpfung (…) nicht zwangsweise das ‚Ende‘ für die Unternehmung“ bedeuten muss (Höge 1995, S. 131 f.). In einer weiteren Definition wird der Unterschied zwischen interner und externer Schrumpfung herausgestellt. Dabei bezieht sich die interne Schrumpfung auf organisationsinterne Größen wie z.B. den Umsatz oder die Anzahl des Personals und eine externe Schrumpfung auf einen Rückgang des Marktes oder der Ressourcen (Göttgens 1996, S. 9; vgl. auch Wenk 2006, S. 5).
Weitere Definitionen finden sich bei Ingerfurth, der den Misserfolg von Unternehmen als Verschlechterung der Anpassungsfähigkeit sowie eine Reduzierung der Mittel, die der Organisation zur Verfügung stehen, ansieht (Ingerfurth 2013, S. 12), sowie bei Bea und Haas, die die Schrumpfung als rückläufige Nachfrage in einem Markt beschreiben (Bea und Haas 2016, S. 192).
Abschließend kann festgestellt werden, dass es aufgrund der unterschiedlichen Forschungsansätze keine einheitliche Definition für das organisationale Schrumpfen gibt und sich keine der genannten Definitionen explizit auf den Nonprofit-Bereich bezieht.
(der Text wurde übernommen und leicht abgeändert aus meiner Dissertation: Hagen Fried, "Schrumpfende Organisation", University of Bamberg Press 2024, S. 22 ff.)
Verwendete Literatur:
siehe Literaturverzeichnis zur Dissertation